Wie mutig, dass Sie heute hier sind

„Pop & Pasta“ und der Versuch, auch positive Diskriminierung abzubauenNicole

Der Austausch unter Gleichbetroffenen ist der Kern des Selbsthilfeprinzips und prägend für die Arbeit von Selbsthilfegruppen und Selbsthilfeorganisationen. Das Klischee des Stuhlkreises ist hierfür ein allgemein bekanntes Symbol. Allerdings haben sich die Kommunikationsgewohnheiten in unserer Gesellschaft verändert, und gerade junge Menschen favorisieren heute ganz andere Formate des Austauschs. Die Nutzung von Social Media spielt hier eine wichtige Rolle. Daher ist auch die BAG SELBSTHILFE neue Wege gegangen und hat mit dem Format „Pop & Pasta“ auf der Social Media-Plattform „Twitch“ einen neuen Kommunikationsraum für junge Menschen mit Beeinträchtigungen geschaffen.

In dem neuen Format spielt der Umgang mit Diskriminierungen eine wichtige Rolle. Das gewählte Setting ist nicht der Stuhlkreis, sondern das gemeinsame Kochen mit prominenten Gästen: Performerin und Moderatorin Saioa Alvarez legt die Kochutensilien kurz beiseite, um der Schauspielerin Kübra Sekin eine Episode aus ihrem Alltag zu erzählen. Berlin sei ein guter Ort zum Leben, da die Leute hier nicht so schnell irritiert seien. Dennoch sei selbst in ihrer Wahlheimat der einfache Gang in den Supermarkt mit vielen Hürden verbunden. Sie könne nicht einfach eine Tafel Schokolade kaufen, ohne dafür ein Kompliment zu bekommen. „Toll, wie Sie das machen“, hört sie als Frau mit Kleinwuchs nicht nur, wenn sie eine Schokoladentafel aus dem Regal zieht.

Fehlende Berührungspunkte

Ein Grund für unsicheres oder gar diskriminierendes Verhalten nichtbehinderter Menschen im Umgang mit Menschen mit Behinderungen ist die historische Ausgrenzung in Sonderschulen und Werkstätten. Durch fehlende Berührungspunkte entstehen falsche Annahmen und Unsicherheiten. Auch in den Medien werden Menschen mit Behinderung oft als bemitleidenswert dargestellt oder zu Heldinnen und Helden des Alltags stilisiert. Der Leitfaden zur Darstellung von Menschen mit Behinderung der Koordinierungsstelle des Beauftragten der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderungen schult Redaktionen darin, klischeefrei und ganzheitlich über Behinderung zu berichten1. Er verweist auf die Verantwortung, die Medienschaffende bei der Willensbildung der Gesellschaft tragen. Nach wie vor fehlen Geschichten, in denen Behinderung selbstverständlich und ohne Stereotype behandelt wird.2

Genau diese Lücke möchte die ambitionierte Online-Live-Show „Pop & Pasta“ füllen, in deren Studioküche Saioa Alvarez ihre Anekdote teilt. Vom 14. Oktober bis 16. Dezember 2024 traf Saioa Alvarez jeden Montag bekannte Persönlichkeiten aus der Popkultur, um mit ihnen zu kochen und ins Gespräch zu kommen. Neben Anti-Ableismus-Aktivistinnen und -Aktivisten wie Raul Krauthausen und Janina Nagel waren auch Satiriker El Hotzo, Rapperin Ebow und Aktivistin Sookee zu Gast, die öffentlich über psychische Gesundheit sprechen. Entwickelt wurde die Sendung von kreativen jungen Menschen mit Behinderungen. Ein Jahr lang kamen sie alle zwei Wochen zusammen, um die Show unter Anleitung der Projektkoordination zu konzipieren.

Beiläufig und ohne Klischees

Die Selbsthilfe hat oft mit Nachwuchsproblemen zu kämpfen, und Verbandsstrukturen gelten bei manchen als verstaubt. Das Projekt verfolgte daher einen neuen Ansatz: Junge Selbsthilfe-Aktive sollten nicht nur durch die Auseinandersetzung mit ihrer eigenen Behinderung angesprochen werden, sondern durch Themen, die sie interessieren – Live-Streaming, Popkultur und Medien. Das Konzept ging auf: Das Team, das im Februar 2025 die letzte Redaktionssitzung abhielt, war dasselbe, das 2023 gestartet war. Die Projekt-Teilnehmenden erhielten die Gelegenheit, Teil einer Redaktion zu sein, sich als selbstwirksam zu erleben und eigene thematische Schwerpunkte zu setzen. Durch die intensive Beschäftigung mit den Gästen der Sendung, die als Expertinnen und Experten für Behindertenrechte gelten, kam es laut den jungen Redakteurinnen und Redakteuren zu
nachhaltigen Lern- und Empowerment-Effekten.

Ein zentrales Prinzip der Sendung war das Disability Mainstreaming: Behinderung und andere Identitätsmerkmale wurden beiläufig und ohne Klischees behandelt. Dieses Konzept kam bei Zuschauerinnen und Zuschauern sowie Gästen gut an. Am 28. Oktober 2024 war Raul Krauthausen, einer der bekanntesten Aktivisten für Inklusion und Barrierefreiheit, zu Gast. „Was ich stark finde, ist, dass die Fragen hier wirklich andere Fragen sind“, sagte er im Gespräch. „Man muss sich nicht erst erklären oder rechtfertigen. Wir steigen gleich in die Themen ein.“ Bei „Pop & Pasta“ sprach er erstmals über seine Ehe und darüber, wie er im Casting zu Jörg Pilawas Quizshow scheiterte. Themen rund um Behinderung wurden nicht ausgeklammert – sie fanden statt, wenn sie für das Gespräch relevant waren. So sinniert Krauthausen beispielsweise darüber, wie er sein Bundesverdienstkreuz aus Protest wegen mangelnder Gleichstellung zurückgibt.

Neue Settings ausprobieren

Bemerkenswert war auch, dass die etablierte Theaterdarstellerin Saioa Alvarez als Moderatorin für das Sozialprojekt gewonnen werden konnte. Als Grund für ihre Teilnahme nennt sie: „Das Format ist live, und das Redaktionsteam besteht ausschließlich aus Menschen mit Behinderung. Niemand entscheidet nachträglich, was gezeigt wird. Es gibt keine nichtbehinderte Entscheidungsmacht.“ Auch die Presse wurde auf das Projekt aufmerksam. Die Redakteurin Christine Koppenhöfer lobte „Pop & Pasta“ in der „taz“ dafür, dass Inklusion hier nicht gezwungen daherkomme.3

Projekte wie „Pop & Pasta“ zeigen, wie Inklusion in der Mainstream-Unterhaltung selbstverständlich integriert werden kann. Das Empowerment der Selbsthilfe-Aktiven, die mitgewirkt oder zugesehen haben, ist ein ebenso wertvoller Erfolg. Klischeefreie Darstellungen von Menschen mit Behinderungen ebnen den Weg zu einer Gesellschaft, in der eine Frau mit Kleinwuchs einfach eine Tafel Schokolade kaufen kann – ohne dafür
bewundert zu werden.

Es wäre wünschenswert, dass auch Rehabilitationskonzepte, die junge Menschen mit Beeinträchtigungen ansprechen sollen, künftig ähnliche Ansätze verfolgen würden. Es gilt, neue Settings auszuprobieren und den veränderten Kommunikationsgewohnheiten in unserer Gesellschaft Rechnung zu tragen.

1 Beauftragte der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderungen. Auf Augenhöhe. Leitfaden zur Darstellung von Menschen mit Behinderung für Medienschaffende.
2 Weber, P.; Rebmann, D. K. (2017): Inklusive Unterhaltung? Die Darstellung von Menschen mit Behinderung in deutschen Daily Soaps. M&K Medien & Kommunikationswissenschaft, 65(1), S. 12–27.
3 Koppenhöfer, K. (9.12.2024, 11:51): Twitch-Format „Pop & Pasta“, Essen, Witz und Tiefgang. Hier kommt Inklusion nicht gezwungen daher: „Pop & Pasta“ mixt persönliche Einblicke mit kreativen Rezepten. Ideale Begleitung beim Kochen! TAZ

Alle Folgen stehen auf dem „Pop & Pasta“ Youtube-Kanal zur Verfügung: www.youtube.com/@PopUndPasta/videos
Prägnante Ausschnitte sind auf dem Instagram-Kanal zu finden: www.instagram.com/popundpasta